216 Einsatzkräfte proben Ernstfall

216 Einsatzkräfte proben Ernstfall

Um 18.30 Uhr hat die Leitstelle Warendorf Großalarm ausgelöst: Die Eurobahn ist auf Gleis 2 auf ein Hindernis aufgefahren. Es brennt im Zug, der es gerade noch in den Warendorfer Bahnhof geschafft hat. Ununterbrochen sind Martinshörner zu hören, überall ist Blaulicht zu sehen, ein Feuerwehrwagen nach dem nächsten erreicht die Einsatzstelle. Die Zumlohstraße ist voll gesperrt.

Dieses Schreckensszenario, das sich am Freitagabend am Warendorfer Bahnhof bietet, ist zum Glück nur erdacht: Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und Malteser Hilfsdienstes (MHD) aus Warendorf trainieren in Kooperation mit der Eurobahn und Deutschen Bahn für den Ernstfall, um fit zu sein für ein derartiges Unglück mit einem Massenanfall an Verletzten. Da die Feuerwehr in diesem Szenario in einen anderen Großeinsatz gebunden ist, wurden THW, DRK und Malteser direkt zur Unterstützung alarmiert.

Insgesamt 216 Einsatzkräfte – alle ausschließlich ehrenamtlich tätig – sind an der großangelegten Übung beteiligt, die es in den vergangenen 30 Jahren in der Stadt nicht gegeben hat. Mit eingebunden in den simulierten Notfall ist auch das Josephs-Hospital. Dorthin transportieren DRK und Malteser letztlich 15 „Verletzte“.

Die Retter am Bahnhof müssen schnell handeln, rund 30 Verletze sind zu retten. Die Fahrgäste sind durch die abrupte Bremsung beim Aufprall durch den Zug geschleudert worden. Rauch dringt aus dem Zug, Hilfeschreie sind zu hören: „Ich kann hier nicht weg“, schreit eine Frau völlig aufgelöst.

Die Unfalldarsteller der Malteser Ostbevern sind entsprechend ihrer Verletzungen geschminkt – blutende Verletzungen an Kopf, Armen und Beinen, Schnittwunden, aber auch Panikattacken der Verunglückten – die Einsatzkräfte sind massiv gefordert. „Es mussten Zugangsmöglichkeiten zu den Personen in der Bahn geschaffen und im Verlauf ein sicheres Räumen der Fahrgäste aus den Waggons durchgeführt werden“, erläutert der Einsatzleiter der Feuerwehr, Tobias Aundrup, die ersten Schritte. Vor allem die sichtlich Schwerstverletzten und Vitalbedrohten mussten möglichst zuerst aus dem Zug geholt werden. 60 Feuerwehrleute verschaffen sich teils unter Atemschutz Zugang zu den Fahrgästen.

Am Bahnhofsgleis 2 wird eine erste Patientensammelstelle eingerichtet. Kräfte vom DRK und von Maltesern warten schon, um die verstörten, teils schwer verletzten Statisten in Empfang zu nehmen. Die Verletzungen werden gesichtet und erstversorgt.

Behandlung in drei Zelten

THW-Bergungsgruppen transportieren die „Verletzten“ durch den Bahnhofstunnel zum Bahnhofsvorplatz, wo die THW-Fachgruppen Notversorgung und Notinstandsetzung, Malteser und DRK in der Zwischenzeit drei Zelte für die Patientenversorgung aufgebaut und ausgestattet haben. Die THW-Fachgruppen Elektroversorgung aus Oelde und Warendorf haben eine Stromversorgung aufgebaut, um Zeltheizungen und Beleuchtung sicherzustellen. Je nach Schwere der Verletzung, die Karten und Schildern auf der Kleidung zu entnehmen ist, werden sie in die jeweiligen Zelte gebracht: Die Statisten tragen rote, grüne und gelbe Bändchen – Rot für kritische (gegebenenfalls lebensbedrohliche) Verletzungen, Gelb für schwerere Verletzungen und Grün für Patienten, die leichte Verletzungen haben – 15 Statisten müssen ins Josephs-Hospital gebracht werden.

Josephs-Hospital ist gewappnet für Massenanfall von Verletzten

Einsatzbereit sind auch die Ärzte in der Notaufnahme des Josephs-Hospitals in Warendorf, als die erste „Verunglückte“ von den Notfallsanitätern in den Schockraum transportiert wird. Es erfolgt die Ersteinschätzung. „Das Vorgehen im Schockraum ist authentisch, ein echter Einsatz würde genau gleich ablaufen“, erklärt Pressesprecher Tobias Dierker. Einziger Unterschied: Die gelben Westen der Ärzte und Medizinischen Fachangestellten, die darauf hinweisen, dass eine Übung stattfindet. Schreie zerreißen die Luft, als die verletzte Statistin, von der Sanitätertrage auf das Krankenbett verlagert wird. Offenbar liegen eine Beckenverletzung und ein Schädelhirntrauma vor, mutmaßen die behandelnden Ärzte, die sich konzentriert der medizinischen Versorgung widmen. Lange wird es nicht dauern, bis auch die 14 weiteren „Verletzten“ im Krankenhaus ankommen werden. Die Transportorganisation wird von dem Einsatzleitwagen der Malteser Drensteinfurt durchgeführt.

MANV – Massenanfall von Verletzten, so nennen die Katastrophenschützer jene Situation, die im Josephs-Hospital geprobt wird. An der Übung sind zirka 15 Fach- und Oberärzte sowie 20 Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte beteiligt. Die verletzten Übungspatienten, werden wie echte Patienten ersteingeschätzt und nach Behandlungsdringlichkeit in den Originalräumlichkeiten versorgt.

Während der Übung gilt jedoch: Eine dringende Versorgung „echter“ Patienten hat Vorrang. Die Notaufnahme, Intensivstation und Radiologie sowie alle weiteren Bereiche sind uneingeschränkt einsatzfähig für reale Notfälle. Ziel der Übung ist „die angemessene und möglichst optimale medizinische Versorgung bei einer plötzlichen, hohen Anzahl von Leicht-, Mittel- und Schwerverletzten“, sagt Dierker. Eine so großangelegte Übung sei in den vergangenen 15 Jahren nicht vorgekommen.

Hintergrund

Geplant wurde die Übung vom Technischen Hilfswerk (THW) Ortsgruppe Warendorf mit dem Ziel, die Zusammenarbeit zwischen allen Organisationen und ehrenamtlichen Rettungskräften zu üben. Nachgebildet wurden sämtliche Strukturen, wie sie bei einer echten Zugevakuierung inklusive Verletzten auch stattfinden würden.

Das THW war mit sechs Ortsverbänden vertreten: Coesfeld, Dülmen, Oelde, Lengerich, Lüdinghausen und Warendorf.

Beteiligt waren das DRK Freckenhorst und Warendorf sowie die Malteser Warendorf und Ostbevern.

Der ÖPNV (Zugbetrieb und Bus) fand während des gesamten Vorbereitungs- und Übungszeitraums regulär statt. Die Fahrgäste wurden vor Erreichen des Bahnhofes Warendorf über die Übung informiert.

Mehr Fotos und ein Video unter www.die-glocke.de.

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