Feuerwehr bricht bei Pilotprojekt Strukturen auf

Als eine von sechs Freiwilligen Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen wird die Warendorfer Organisation an einem Pilotprojekt des NRW-Innenministeriums teilnehmen. Ziel soll es sein, Strukturen aufzubrechen, um ungenutztes Potenzial einbinden beziehungsweise reaktivieren zu können, Belastungen abzubauen und Möglichkeiten zur Entlastung zu schaffen. „Feuerwehrensache“, so der Titel, will die Handlungsfähigkeit der Institutionen nachhaltig stärken.

Sieben Löschzüge stark ist die Freiwillige Feuerwehr Warendorf auf Basis von 460 ehrenamtlich engagierten Kameraden, von denen etwa 290 in den aktiven Dienst eingebunden sind. Die anderen 170 Männer und Frauen sind Mitglieder der Jugendfeuerwehr beziehungsweise der Alters- und Ehrenabteilungen. Für sie brechen jetzt neue Zeiten an: Das Projekt sieht unter anderem vor, den Nachwuchs eher in das Geschehen einzubinden und gleichzeitig jenen, die 60 Jahre und älter sind, bei körperlicher Eignung, den Verbleib im aktiven Dienst zu ermöglichen. Potenzial, das bislang kaum (noch) oder nur eingeschränkt abgerufen wurde, könnte den Löschzügen so zu mehr Stärke verhelfen.

„Feuerwehrensache“ ist aber noch mehr: Wie lassen sich Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen einbinden? Wie lässt sich die Vereinbarkeit von Freunden, Familie, Feuerwehr und Firma optimieren? Wie sieht künftig die Nachwuchsgewinnung aus? Wer übernimmt bei einem Einsatz die Kinderbetreuung? Diese und andere Fragen hat die Basis der Freiwilligen Feuerwehren bei mehreren Arbeitstreffen formuliert, um unter anderem in Gruppen zu Themenfeldern wie Arbeitgeber und Migration Lösungsansätze zu entwickeln. Einer der Vertreter aus Warendorf, der auch den Draht zum Innenministerium in Düsseldorf hält, ist der Löschzugführer aus Einen, Helmut Pöhling.

Gemeinsam entwickelten die Ehrenamtlichen mit wissenschaftlicher Begleitung verschiedene Modelle, die wiederum aus diversen Modulen bestehen. „Wir erhoffen uns sehr viel von diesem Projekt“, sagt Warendorfs Stadtbrandmeister Christof Amsbeck. Es sei eine Investition in die Zukunft, wenngleich viele der Strukturen, die nun aufgebrochen werden sollen, in den sieben emsstädtischen Löschzügen ohnehin nicht mehr so starr wie ursprünglich vorgesehen gehandhabt würden.

„Das neue System stellt auch neue Anforderungen“ – dessen ist sich der Erste Beigeordnete der Stadt Warendorf, Dr. Martin Thormann, bewusst. „Es wird sich entwickeln müssen.“

 

Alter soll untergeordnete Rolle spielen

Entstanden aus dem rot-grünen Koalitionsvertrag von 2012, verfolgt das NRW-Projekt „Feuerwehrensache“ unter anderem die Aufweichung der bisherigen Altersstrukturen. Bislang ist es so, dass unter 18-Jährige automatisch noch der Jugendfeuerwehr zugeordnet sind. Die sechs Freiwilligen Feuerwehren im Land, die bereits als Pilotorganisationen mit im Boot sind, werden testen, ob man nicht auch schon 16-Jährige mit Aufgaben im aktiven Dienst betrauen kann.

Ähnliches gilt für die „Ausgemusterten“: Bislang ist es so, dass über 60-Jährige automatisch in die Alters- und Ehrenabteilung der Freiwilligen Feuerwehren wechseln. Mit Ausnahmegenehmigung dürfen sie auch bis 63 weitermachen. Mit dem neuen System ist es möglich, dieses Potenzial auch darüber hinaus zu nutzen. Die Sporthochschule Köln entwickelt derzeit einen Belastungstest. Auf freiwilliger Basis können die Älteren unter den Kameraden dort ihre physische Belastbarkeit unter Beweis stellen und sich für eine weitere Verwendung im aktiven Dienst empfehlen. Dieser Test ist keine Pflicht, sondern er ein Instrument, das dann zum Einsatz kommen soll, wenn die Wehrführung von den noch geltenden Vorschriften abweichen will.

 

Förderung des Amts statt Abschreckung

Das Projekt „Feuerwehrensache“ hat eine flexible Altersgrenze, einen leistungsgerechten Einsatz, Rechtssicherheit für Führungskräfte, Effizienzsteigerung der Mannschaft, eine Grundausbildung ab 16 Jahren, ein Mentorenprogramm, Kinderbetreuung und vieles mehr auf dem Aufgabenzettel. Bei einer Laufzeit bis Ende 2016 soll bereits im Januar des kommenden Jahrs der erste Erfahrungsaustausch stattfinden. „Die ersten scharren schon mit den Hufen“, berichtete am Dienstag Stadtbrandmeister Christof Amsbeck bei einem Pressegespräch von Kameraden, die sich kaum etwas mehr wünschen, als über das 60. Lebensjahr hinaus noch aktive Verwendung zu finden und dazu den Eignungstest absolvieren zu können. Tatsächlich sei es doch befremdlich, dass mancher bis zu einem Alter von 67 Jahren noch im Beruf stehe, innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr mit 60 Jahren aber bereits in die Alters- und Ehrenabteilung wechseln müsse, so Amsbeck weiter.

„Es soll die Förderung des Ehrenamts sein und nicht davor abschrecken“, machte am Dienstag Annegret Frankewitsch vom NRW-Innenministerium deutlich. Mit der Entwicklung des Eignungstests für ältere Kameraden hat die Landesregierung die Sporthochschule Köln beauftragt. Und diese bringt Erfahrung mit, hatte sie doch auch schon die physischen Überprüfungen für Berufsfeuerwehrleute entwickelt. „Wobei im Bereich der Freiwilligen einige Differenzierungen vorgenommen werden müssen“, ist sich der Sportwissenschaftler Nicolas Wirtz durchaus bewusst, keine neuen Hürden im ehrenamtlichen Bereich aufbauen zu dürfen.

 

Hintergrund

Die wesentlichen Projektziele kurz zusammengefasst: eine verstärkte Wertschätzung gegenüber den Freiwilligen Feuerwehren, die Gewinnung neuer Zielgruppen, die Reaktivierung von Mitgliedern, die aus beruflichen oder familiären Gründen die Freiwillige Feuerwehr verlassen haben, die verstärkte Einbeziehung der „jungen Alten“ aus der Ehrenabteilung in wichtige Aufgaben und das Finden von Wegen, wie die Freiwillige Feuerwehr im ländlichen Raum gestärkt wird und wie man langfristig das Ziel einer einheitlichen Feuerwehr erreicht werden kann.

 

Führen die Freiwillige Feuerwehr Warendorf in das Pilotprojekt: (v. l.) Holger Niemeyer (Stadtverwaltung),

Olaf Schröder (Wehrführung), Helmut Pöhling (Löschzugführer Einen),

Annegret Frankewitsch (NRW-Innenministerium), Stadtbrandmeister Christof Amsbeck,

Erster Beigeordneter Dr. Martin Thormann und

Nicolas Wirtz (Sporthochschule Köln) am Dienstag vor der Stadtverwaltung.

 

Weitere Infos finden Interessenten im Internet unter www.feuerwehrensache.nrw.de

 

Quelle: Die Glocke

Donnerstag, 27. April 2017

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